Call for Paper

Frösche

von Alexander Stöger (Leiden) & Rebecca Mossop (Luxemburg)

Der Frosch lässt sich nur schwer aus der Menschheitsgeschichte wegdenken. Kulturwissenschaftlich betrachtet ist der bunte Hüpfer ein Phänomen konstanter Ambivalenz. Er kommt in nahezu allen Teilen der Welt vor und hat stets in der Nähe des Menschen gelebt, ohne je in den Status eines Haus- oder Nutztiers im engeren Sinne erhoben worden zu sein. In religiösen, literarischen und künstlerischen Überlieferungen ist er ein regelmäßiger, aber unbestimmter Gast, von der Plage im Alten Testament über den verzauberten Märchenprinzen bis hin zum verwandelten Gott.

Auch den Naturwissenschaften und ihren Vorläufern ist das resiliente Amphib ein bekannter Begleiter mit einer wechselhaften Bedeutungsgeschichte. So galt der Frosch in mystischen Interpretationen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit als Begleiter oder Zutat magischer Unternehmungen, war in der Medizin bis ins 18. Jahrhundert auf kuriose Weise mit dem Uterus assoziiert und wurde schließlich zum favorisierten Versuchstier im europäischen Labor des 19. Jahrhundert oder zum Meteorologen im Wetterglas. Seit den 1970ern steht der Frosch als Symbol für umweltfreundliche Verfahren oder Umweltschutz zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, was sein allgemeines Image signifikant verbessert hat. Selbst in Geräten und Verfahren, die sich auf den ersten Blick kaum mit dem grünen Tier assoziieren lassen, wie Grubenlampen oder Quarks-Teilchen, finden sich Verbindungen, die eine Brücke schlagen zu der mannigfaltigen Geschichte des Frosches und seines Verhältnisses zur Menschheit.

Die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte des Frosches ist vielschichtig und verspricht reiche Erkenntnisse über die Bereiche, Wertvorstellungen und Praktiken, deren Teil das Tier direkt oder indirekt im Laufe der Jahrhunderte war und bis heute ist. Im diesjährigen Driburger Kreis soll daher der Frosch zwar nicht als Untersuchungsgegenstand im Mittelpunkt stehen, aber als epistemisches Objekt den Fokus auf das Verhältnis von Wissensgewinn und Forschungsobjekt werfen. Es gilt dabei zu fragen, wie Forschung und Forschungsanwendung im metaphorischen oder tatsächlichen Beisein des Frosches im weitesten Sinne stattgefunden haben, wie das Tier damit assoziiert wurde und welche Funktion es dabei einnahm. Der Frosch als epistemisches Objekt ist hier in einer weiten Bedeutung, sowohl als Tier wie auch als semantisches Konzept zu verstehen. Mögliche Perspektiven, aus denen man sich dem Thema nähern könnte:

  • Welche Rolle kamen und kommen Fröschen und anderen Tieren als Versuchstiere in Experimenten zu?
  • Wie prägte das Verhältnis des Anders- oder Gleichartigen die Rolle des Frosches beim Wissensgewinn?
  • Wie schuf und schafft Wissenschaft Bedeutungsverschiebungen, wie sie zum Beispiel für den Frosch im 19. Jahrhundert vom mystischen Wesen zum neutralen Laborobjekt stattgefunden haben?
  • Wo finden sich ‚Frösche‘ in der Wissenschaft, wo gar keine mehr sind? Und wie(so) wurden sie dort abgelöst?
  • Wie lässt sich die tierethische Dimension der Naturwissenschaften, Medizin und Technik anhand des Frosches und anderer Versuchstiere nachzeichnen?
  • Inwiefern diente der Frosch als Vorbild technischer Konstruktionen, Maschinen oder Verfahren? Welche Funktion nahm er dabei ein? Wie schlägt der Frosch damit die Brücke zwischen epistemischer Praxis und kulturellen Gedankenguts?

Das Tagungsthema ist explizit weit gefasst und zielt darauf ab, verschiedenste Aspekte und Perspektiven der Geschichte der Naturwissenschaften, Medizin und Technik unter den einen „Frosch zu bringen”.

Abstracts von einer Seite für ca. 15-minütige Vorträge nebst Kurzlebenslauf (zusammengefasst in einem pdf) werden erbeten bis zum 1. Juli 2022 an Alexander Stöger. Weitere Informationen zu Abstracts und dem Format des Driburger Kreises finden sich hier.
Für Beitrag und Diskussion sind insgesamt 30 Minuten angedacht. 

Fragen zum Thema oder der Veranstaltung können gerne an das Organisationsteam gerichtet werden
Alexander Stöger (a.m.stoger@hum.leidenuniv.nl)
Paulina Gennermann (pgennermann@uni-bielefeld.de)
Sophia Wagemann (sophia.wagemann@yahoo.de)