Call for Papers

Unsichtbar

- Was man in der Wissenschaft nicht sehen kann

Das diesjährige Rahmenthema des Driburger Kreises (DK) fasst sich durch ein einfaches Adjektiv: unsichtbar. Das Wörterbuch der Deutschen Gegenwartssprache von 1976 definiert diesen Begriff wie folgt: „mit den Augen nicht wahrnehmbar, nicht zu sehen, nicht sichtbar“ und ergänzt: „bildlich: geheim, verborgen“. Man mag noch anfügen: übersehen, marginalisiert. So bietet das Tagungsthema eine große Bandbreite, den Begriff aufzugreifen: Forschungsfragen, die das in den Blick nehmen, was nicht mit bloßem Auge zu sehen ist; das, was oft übersehen wurde; das, was absichtlich unsichtbar gemacht wurde.

Eine kurze Suche im Karlsruher Virtuellen Katalog offenbart, wie diese Bandbreite in verschiedenen Forschungsbereichen bereits behandelt wurde. So findet sich zum Stichwort ‚unsichtbar‘ eine Monographie zur Rolle der Mathematik in der Wettervorhersage neben einer Studie zum Thema Migration von Bulgarien nach Deutschland sowie einem Band zum Unsichtbaren in der Stadtplanung.

Bereits 2018 stand das Rahmenthema des DK unter dem Titel „Unsichtbar“. Da die Themenwahl im DK basisdemokratisch durch die Teilnehmenden erfolgt und sich an aktuellen Fragestellungen und Diskussionsbedarf orientiert, können auch Fragen aufgegriffen werden, die in früheren Ausgaben bereits behandelt wurden. Die erneute Wahl des Titels „Unsichtbar“ zeigt, wie relevant das Thema weiterhin für Early-Career Wissenschafts-, Medizin- und Technikhistoriker*innen ist. Daher freuen wir uns auf weitere spannende Diskussionen.

Die Geschichte der Wissenschaften, Medizin und Technik hat viele Möglichkeiten, das Unsichtbare mit ihren Beiträgen sichtbar zu machen – und beweist in ihren Publikationen immer wieder dieses Anliegen. So blickten Wissenschaftshistoriker*innen in den letzten Jahren vermehrt auf weibliche Akteurinnen der Forschung, untersuchten koloniale und nationalsozialistische Kontexte der Wissensproduktion, oder machten auf gender- und ethnischen Bias in der Medizin aufmerksam – und nahmen somit den Aspekt des Verborgenen, des Übersehenen und Marginalisierten in den Blick.

Doch auch die vordergründige Dimension des Unsichtbaren, des ‚mit den Augen nicht Wahrnehmbaren‘ wurde in den vergangenen Jahren zu neuen Herausforderungen: In der Coronapandemie stießen Wissenschaftler*innen an ihre Grenzen, die Gefahren eines unsichtbaren Virus zu vermitteln. Viele Menschen argumentierten mit dem, was sie selbst in ihrem Umfeld sehen konnten. Die Diskrepanz zwischen dem Unsichtbaren der Forschung, und dem Sichtbaren des eigenen Alltags erschütterte den Glauben vieler Menschen in die Wissenschaft. Und nicht nur im Kontext der Pandemie, sondern auch in vielen anderen Bereichen, wie bspw. der Klimaforschung, wird die Hoheit der wissenschaftlichen Forschung immer wieder in Frage gestellt. Wie also können Wissenschaftler*innen ihre unsichtbare Forschung in eine immer stärker gespaltene, kritische Gesellschaft vermitteln?

Das Rahmenthema des Driburger Kreises lädt dazu ein, multidimensional auf ‚unsichtbare‘ Forschungsfelder zu blicken. Mögliche Themen und Fragestellungen könnten dabei folgende sein:

  • Wie erforschen Wissenschaftler*innen das, was mit bloßem Auge nicht zu sehen ist? Welche Entwicklungen und Erfindungen spielten dabei eine Rolle?
  • Wie wurde und wird Forschung zu Unsichtbarem an die Gesellschaft (bzw. Geldgeber*innen) vermittelt?
  • Hierarchien und Genderaspekte: Wer war und ist im Wissenschaftsbetrieb unsichtbar?
  • Bias in der Medizin (und anderen Wissenschaftsbereichen): Welche Daten werden und wurden in der Forschung genutzt? Und wer bleibt dabei unsichtbar?
  • Politische Dimensionen der Wissenschaft: Wie und warum werden und wurden Forschungen aktiv unsichtbar gemacht?
  • Woher kommen die Daten, die die Wissenschaft vorantrieben? Was bleibt hierbei unsichtbar?

Daneben sind auch Beiträge jenseits des Rahmenthemas immer willkommen!

 

Von Luisa Vögele (Universität Tübingen)

Sende Dein Abstract von maximal 300 Wörtern, inklusive einem Kurzlebenslauf (zusammengefasst in einem Word-kompatiblen Dokument) bis zum 01. April 2026 an das Organisationsteam des Driburger Kreises (info@driburgerkreis.de). Für Vortrag und Diskussion sind insgesamt 30 Minuten (15 min Vortrag, 15 min Diskussion) angedacht, sodass wir ausreichend Zeit für Feedback und Fragen haben. Sollte es Fragen zum Thema oder allgemein zur Veranstaltung geben, wende Dich gerne an das Organisationsteam (ebenfalls unter info@driburgerkreis.de). 

Guidelines und Hilfestellungen zum Schreiben von Abstracts, sowie weitere Informationen zum Vortragsformat sind hier zu finden.

Der Driburger Kreis trifft sich von Dienstag, 8. September bis Mittwoch, 9. September 2026 im Vorfeld der Jahrestagung der Gesellschaft für Geschichte der Wissenschaften, der Medizin und der Technik e.V. (GWMT) in Prag. Er richtet sich explizit an Wissenschaftler:innen, die am Anfang ihrer akademischen Karriere in den Forschungsfeldern der Wissenschafts-, Medizin- und Technikgeschichte und angrenzender Disziplinen stehen (Studierende, Promovierende, Post-Docs, Habilitierende).

Der Driburger Kreis versteht sich als informelles Forum, in dem Probleme, Schritte und Ergebnisse eigener Arbeiten vorgestellt werden können. Das jährliche Rahmenthema soll Anreiz bieten, verschiedene Arbeiten unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt zu diskutieren. Projektvorstellungen jenseits des Rahmenthemas sind ebenfalls ausdrücklich erwünscht.

Da wir dieses Jahr in Prag tagen werden, wird der DK bilingual Deutsch und Englisch abgehalten, um so auch lokale und internationale Early Careers miteinbeziehen zu können. Das bedeutet, dass ihr eure Abstracts und Presentationen in der einen oder anderen Sprache einreichen und halten könnt. Die Diskussionen werden nach Bedarf auf Deutsch und Englisch stattfinden. 

Den englischen Call findet ihr im zweiten Tag (siehe oben).

Call for Papers

Invisible

- Things Unseen in Science

This year’s topic for the Driburger Kreis (DK) can be summed up by one simple adjective: invisible. The Cambridge (online) dictionary defines the term as follows: ‘impossible to see’ and also: ‘ignored, not noticed, or not considered’. The conference theme thus offers a wide array in which to approach the term: research that focuses on what cannot be seen with the naked eye; that which has often been overlooked; that which has been deliberately made invisible.

A quick search in a German university library catalogue (KVK) reveals how this range has been addressed in very different areas of research. For example, the keyword “invisible” brings forth a monograph on the role of mathematics in weather forecasts, a study on migration from Bulgaria to Germany, and a book on the invisible in urban planning.

The topic “Invisible” was already selected by DK participants in 2018. Since the DK’s topics are chosen democratically by the previous year’s participants and are based on current issues and topics, even themes that have already been addressed in previous editions may be revisited. The repeated election of the title ‘Invisible’ shows how relevant the topic continues to be for early-career researchers in the history of science, medicine and technology. We look forward to revisiting the topic with new questions and perspectives.”

The history of science, medicine and technology has many opportunities to make the invisible visible in its research – and repeatedly demonstrated this commitment in publications. In recent years, for example, historians of science have increasingly focused on female researchers, examined colonial and National Socialist contexts of knowledge production, and drawn attention to gender and ethnic bias in medicine – thus highlighting the hidden, overlooked and marginalised aspects of this topic.

Still, the superficial dimension of the invisible, the ‘impossible to see’, has brought new challenges in recent years as well: during the COVID pandemic, scientists reached their limits in communicating the dangers of an invisible virus. Many people argued based on what they could see in their own surroundings. The discrepancy between the invisible world of research, and the visible world of their everyday lives shook many people’s faith in science. And not only in the context of the pandemic, but also in many other areas, such as climate research, the authority of scientific research is being called into question again and again. So how can scientists communicate their invisible research to an increasingly divided and critical society?

The Driburger Kreis’ overarching theme invites us to take a multidimensional approach to ‘invisible’ fields of research, actors, structures, and dynamics. Possible topics and questions might include the following:

  • How do scientists research objects that cannot be seen with the naked eye? What developments and inventions play a role in this?
  • How was and is research on the invisible communicated to society (or funders)?
  • Hierarchies and gender aspects: Who was and is invisible in the scientific community?
  • Bias in medicine (and other scientific fields): What data is and was used in research? And who remains invisible in the process?
  • Political dimensions of science: How and why is and has research been actively made invisible?
  • Where does the data that has advanced science come from? What remains invisible in this context?

Contributions beyond the main theme are welcome as well!

By Luisa Vögele (University of Tübingen)

Please submit your abstract (maximum 300 words), including a short CV (combined in a single Word-compatible document), by 1 April 2026 to the organising team of the Driburger Kreis (info@driburgerkreis.de).

Each presentation slot is scheduled for 30 minutes in total (15 minutes presentation, 15 minutes discussion), allowing sufficient time for feedback and questions. If you have any questions regarding the topic or the event more generally, please contact the organising team (also at info@driburgerkreis.de).

The Driburger Kreis will meet from Tuesday, 8 September to Wednesday, 9 September 2026, in advance of the annual conference of the Gesellschaft für Geschichte der Wissenschaften, der Medizin und der Technik e.V. (GWMT) in Prague. It is explicitly aimed at scholars in the earlier stages of their academic careers in the history of science, medicine, and technology, as well as related disciplines (students, doctoral researchers, postdocs, and pre-habilitation researchers).

The Driburger Kreis sees itself as an informal forum in which participants can present challenges, methodological steps, and results from their own research. The annual theme is intended to encourage discussion of different projects from a shared perspective. Contributions beyond the annual theme are expressly welcome.

As this year’s meeting will take place in Prague, the Driburger Kreis will be held bilingually (German and English) in order to include both local and international early-career scholars. Abstracts and presentations may therefore be submitted and delivered in either language. Discussions will be conducted in German and/or English as appropriate.

The German call can be found on the first tab (see above).

Call for Papers

Unsichtbar

- Was man in der Wissenschaft nicht sehen kann

Das diesjährige Rahmenthema des Driburger Kreises (DK) fasst sich durch ein einfaches Adjektiv: unsichtbar. Das Wörterbuch der Deutschen Gegenwartssprache von 1976 definiert diesen Begriff wie folgt: „mit den Augen nicht wahrnehmbar, nicht zu sehen, nicht sichtbar“ und ergänzt: „bildlich: geheim, verborgen“. Man mag noch anfügen: übersehen, marginalisiert. So bietet das Tagungsthema eine große Bandbreite, den Begriff aufzugreifen: Forschungsfragen, die das in den Blick nehmen, was nicht mit bloßem Auge zu sehen ist; das, was oft übersehen wurde; das, was absichtlich unsichtbar gemacht wurde.

Eine kurze Suche im Karlsruher Virtuellen Katalog offenbart, wie diese Bandbreite in verschiedenen Forschungsbereichen bereits behandelt wurde. So findet sich zum Stichwort ‚unsichtbar‘ eine Monographie zur Rolle der Mathematik in der Wettervorhersage neben einer Studie zum Thema Migration von Bulgarien nach Deutschland sowie einem Band zum Unsichtbaren in der Stadtplanung.

Bereits 2018 stand das Rahmenthema des DK unter dem Titel „Unsichtbar“. Da die Themenwahl im DK basisdemokratisch durch die Teilnehmenden erfolgt und sich an aktuellen Fragestellungen und Diskussionsbedarf orientiert, können auch Fragen aufgegriffen werden, die in früheren Ausgaben bereits behandelt wurden. Die erneute Wahl des Titels „Unsichtbar“ zeigt, wie relevant das Thema weiterhin für Early-Career Wissenschafts-, Medizin- und Technikhistoriker*innen ist. Daher freuen wir uns auf weitere spannende Diskussionen.

Die Geschichte der Wissenschaften, Medizin und Technik hat viele Möglichkeiten, das Unsichtbare mit ihren Beiträgen sichtbar zu machen – und beweist in ihren Publikationen immer wieder dieses Anliegen. So blickten Wissenschaftshistoriker*innen in den letzten Jahren vermehrt auf weibliche Akteurinnen der Forschung, untersuchten koloniale und nationalsozialistische Kontexte der Wissensproduktion, oder machten auf gender- und ethnischen Bias in der Medizin aufmerksam – und nahmen somit den Aspekt des Verborgenen, des Übersehenen und Marginalisierten in den Blick.

Doch auch die vordergründige Dimension des Unsichtbaren, des ‚mit den Augen nicht Wahrnehmbaren‘ wurde in den vergangenen Jahren zu neuen Herausforderungen: In der Coronapandemie stießen Wissenschaftler*innen an ihre Grenzen, die Gefahren eines unsichtbaren Virus zu vermitteln. Viele Menschen argumentierten mit dem, was sie selbst in ihrem Umfeld sehen konnten. Die Diskrepanz zwischen dem Unsichtbaren der Forschung, und dem Sichtbaren des eigenen Alltags erschütterte den Glauben vieler Menschen in die Wissenschaft. Und nicht nur im Kontext der Pandemie, sondern auch in vielen anderen Bereichen, wie bspw. der Klimaforschung, wird die Hoheit der wissenschaftlichen Forschung immer wieder in Frage gestellt. Wie also können Wissenschaftler*innen ihre unsichtbare Forschung in eine immer stärker gespaltene, kritische Gesellschaft vermitteln?

Das Rahmenthema des Driburger Kreises lädt dazu ein, multidimensional auf ‚unsichtbare‘ Forschungsfelder zu blicken. Mögliche Themen und Fragestellungen könnten dabei folgende sein:

  • Wie erforschen Wissenschaftler*innen das, was mit bloßem Auge nicht zu sehen ist? Welche Entwicklungen und Erfindungen spielten dabei eine Rolle?
  • Wie wurde und wird Forschung zu Unsichtbarem an die Gesellschaft (bzw. Geldgeber*innen) vermittelt?
  • Hierarchien und Genderaspekte: Wer war und ist im Wissenschaftsbetrieb unsichtbar?
  • Bias in der Medizin (und anderen Wissenschaftsbereichen): Welche Daten werden und wurden in der Forschung genutzt? Und wer bleibt dabei unsichtbar?
  • Politische Dimensionen der Wissenschaft: Wie und warum werden und wurden Forschungen aktiv unsichtbar gemacht?
  • Woher kommen die Daten, die die Wissenschaft vorantrieben? Was bleibt hierbei unsichtbar?

Daneben sind auch Beiträge jenseits des Rahmenthemas immer willkommen!

Sende Dein Abstract von maximal 300 Wörtern, inklusive einem Kurzlebenslauf (zusammengefasst in einem Word-kompatiblen Dokument) bis zum 01. April 2026 an das Organisationsteam des Driburger Kreises (info@driburgerkreis.de). Für Vortrag und Diskussion sind insgesamt 30 Minuten (15 min Vortrag, 15 min Diskussion) angedacht, sodass wir ausreichend Zeit für Feedback und Fragen haben. Sollte es Fragen zum Thema oder allgemein zur Veranstaltung geben, wende Dich gerne an das Organisationsteam (ebenfalls unter info@driburgerkreis.de). 

Guidelines und Hilfestellungen zum Schreiben von Abstracts, sowie weitere Informationen zum Vortragsformat sind hier zu finden.

Der Driburger Kreis trifft sich von Dienstag, 8. September bis Mittwoch, 9. September 2026 im Vorfeld der Jahrestagung der Gesellschaft für Geschichte der Wissenschaften, der Medizin und der Technik e.V. (GWMT). Er richtet sich explizit an Wissenschaftler:innen, die am Anfang ihrer akademischen Karriere in den Forschungsfeldern der Wissenschafts-, Medizin- und Technikgeschichte und angrenzender Disziplinen stehen (Studierende, Promovierende, Post-Docs, Habilitierende).

Der Driburger Kreis versteht sich als informelles Forum, in dem Probleme, Schritte und Ergebnisse eigener Arbeiten vorgestellt werden können. Das jährliche Rahmenthema soll Anreiz bieten, verschiedene Arbeiten unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt zu diskutieren. Projektvorstellungen jenseits des Rahmenthemas sind ebenfalls ausdrücklich erwünscht.

Der Driburger Kreis tagt als selbstständiges Early Career Network der deutschen Wissenschaftsgeschichte traditionell mit eigenem Rahmenthema unmittelbar vor der Jahrestagung der GWMT. Im kleineren Kreis stehen bei uns der intensive Austausch mit anderen Early Career Wissenschaftshistoriker*innen vom Studium bis zum Postdoc und die Möglichkeit erste Erfahrungen bei Tagungen zu sammeln im Vordergrund. In den letzten Jahren kam vermehrt der Wunsch seitens der GWMT-Tagungsteilnehmer*innen auf, ebenfalls Einblick in die Inhalte der DK-Tagung zu erhalten und den Austausch mehr zu fördern.

Bei der diesjährigen Tagung in Ingolstadt wollen wir daher die Gelegenheit nutzen und ein DK-Panel für die GWMT-Tagung (13. bis 15. September) einreichen, das unser Rahmenthema „Zu spät“ aufgreift. Das Panel umfasst 3 bis 4 Vorträge à 20 min (bei 3 Vorträgen schließt sich ein ausführlicherer Kommentar mit Diskussion zu den Vorträgen an). Es wird von Alexander Stöger geleitet, der das Tagungsthema vorgeschlagen hat. Es können Vorträge zu Projekten in allen Arbeitsphasen eingereicht werden.

Die Vortragenden würden außerdem am Driburger Kreis (12. bis 13. September) als Gäste teilnehmen, aber dort nur ebenfalls vortragen, sofern sie das wünschen und noch Plätze frei sind. Im Nachfolgenden findet sich eine für das Panel angepasste Version des Rahmenthemas „Zu spät“. Für den Driburger Kreis folgt der Call for Paper im März. Sofern wir mehr Einsendungen haben als Platz im Panel ist, können wir die Einsendungen automatisch als Einsendungen für den Driburger Kreis aufnehmen, falls gewünscht (dann bitte im Abstract angeben).

Panelthema „Zu spät“

Zeitlichkeit ist die omnipräsente und daher womöglich häufig auch übersehene Säule der Wissenschaftsgeschichte. Die jüngste Prominenz von Themen wie dem Anthropozän oder der Frage nach der Adäquatheit von Zeitbegriffen wie „Mittelalter“ und „Moderne“ zeigen, dass die Wissenschaftsgeschichte nicht nur darum ringt, Wissenschaft zu begreifen, sondern auch Zeit. Hinzu kommt, dass Zeitlichkeit selbst in der Wissenschaft immer präsent war, etwa wenn es um Prioritätsstreitigkeiten ging. Die häufig leidenschaftlich diskutierte Frage, wer eine wissenschaftliche Leistung als erste*r vorweisen konnte, zeigt, dass Zeit und Verzeitlichung weit über den temporalen Aspekt hinausreichen.

Die Zweiten hatten und haben dabei meist das Nachsehen. Zu spät im Rennen um Anerkennung, Recht oder wissenschaftlichen Erfolg, verschwinden sie in den Fußnoten der Geschichte und ihre Ansätze verblassen angesichts der vermeintlich einzigen Lösung der Ersten.

Die Beiträge in diesem Panel sollen sich kritisch mit Zeit und Zeitlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte auseinandersetzen und dabei einen Blick auf diejenigen werfen, deren Timing sich negativ auf ihre Arbeit und Anerkennung ausgewirkt hat. Sie hinterfragen Narrative von „Pünktlichkeit“ oder „Gewinnertum im Rennen um die Lösung“ und zeigen anhand unterschiedlicher Fälle aus der Geschichte, welche neuen Erkenntnisse ein Perspektivwechsel hin zur temporalen Peripherie und den Verdiensten derer bringen können, die zu spät waren.

Willkommen sind 20-min Beiträge, es gibt keine zeitliche oder geografische Einschränkung. Sende uns Dein Abstract von max. 250 Wörtern bis zum 10. Februar an info@driburgerkreis.de mit dem Betreff „GWMT Panel“. Füge außerdem eine Kurzbiografie (Name, Heimatinstitution, einen bis zwei Sätze zu Deinem aktuellen akademischen Stand und der Verortung des Vortragsthemas, ggf. ob Dein Vortrag auch als Beitrag bei der DK-Tagung Berücksichtigung finden soll) bei. Weitere Informationen zu Abstracts und Vorträgen findest Du hier.

Frösche

Von Alexander Stoeger (Leiden) & Rebecca Mossop (Luxemburg)
Der Frosch lässt sich nur schwer aus der Menschheitsgeschichte wegdenken. Kulturwissenschaftlich betrachtet ist der bunte Hüpfer ein Phänomen konstanter Ambivalenz. Er kommt in nahezu allen Teilen der Welt vor und hat stets in der Nähe des Menschen gelebt, ohne je in den Status eines Haus- oder Nutztiers im engeren Sinne erhoben worden zu sein. In religiösen, literarischen und künstlerischen Überlieferungen ist er ein regelmäßiger, aber unbestimmter Gast, von der Plage im Alten Testament über den verzauberten Märchenprinzen bis hin zum verwandelten Gott.

Auch den Naturwissenschaften und ihren Vorläufern ist das resiliente Amphib ein bekannter Begleiter mit einer wechselhaften Bedeutungsgeschichte. So galt der Frosch in mystischen Interpretationen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit als Begleiter oder Zutat magischer Unternehmungen, war in der Medizin bis ins 18. Jahrhundert auf kuriose Weise mit dem Uterus assoziiert und wurde schließlich zum favorisierten Versuchstier im europäischen Labor des 19. Jahrhundert oder zum Meteorologen im Wetterglas. Seit den 1970ern steht der Frosch als Symbol für umweltfreundliche Verfahren oder Umweltschutz zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, was sein allgemeines Image signifikant verbessert hat. Selbst in Geräten und Verfahren, die sich auf den ersten Blick kaum mit dem grünen Tier assoziieren lassen, wie Grubenlampen oder Quarks-Teilchen, finden sich Verbindungen, die eine Brücke schlagen zu der mannigfaltigen Geschichte des Frosches und seines Verhältnisses zur Menschheit.

Die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte des Frosches ist vielschichtig und verspricht reiche Erkenntnisse über die Bereiche, Wertvorstellungen und Praktiken, deren Teil das Tier direkt oder indirekt im Laufe der Jahrhunderte war und bis heute ist. Im diesjährigen Driburger Kreis soll daher der Frosch zwar nicht als Untersuchungsgegenstand im Mittelpunkt stehen, aber als epistemisches Objekt den Fokus auf das Verhältnis von Wissensgewinn und Forschungsobjekt werfen. Es gilt dabei zu fragen, wie Forschung und Forschungsanwendung im metaphorischen oder tatsächlichen Beisein des Frosches im weitesten Sinne stattgefunden haben, wie das Tier damit assoziiert wurde und welche Funktion es dabei einnahm. Der Frosch als epistemisches Objekt ist hier in einer weiten Bedeutung, sowohl als Tier wie auch als semantisches Konzept zu verstehen. Mögliche Perspektiven, aus denen man sich dem Thema nähern könnte:

  • Welche Rolle kamen und kommen Fröschen und anderen Tieren als Versuchstiere in Experimenten zu?
  • Wie prägte das Verhältnis des Anders- oder Gleichartigen die Rolle des Frosches beim Wissensgewinn?
  • Wie schuf und schafft Wissenschaft Bedeutungsverschiebungen, wie sie zum Beispiel für den Frosch im 19. Jahrhundert vom mystischen Wesen zum neutralen Laborobjekt stattgefunden haben?
  • Wo finden sich ‚Frösche‘ in der Wissenschaft, wo gar keine mehr sind? Und wie(so) wurden sie dort abgelöst?
  • Wie lässt sich die tierethische Dimension der Naturwissenschaften, Medizin und Technik anhand des Frosches und anderer Versuchstiere nachzeichnen?
  • Inwiefern diente der Frosch als Vorbild technischer Konstruktionen, Maschinen oder Verfahren? Welche Funktion nahm er dabei ein? Wie schlägt der Frosch damit die Brücke zwischen epistemischer Praxis und kulturellen Gedankenguts?

Das Tagungsthema ist explizit weit gefasst und zielt darauf ab, verschiedenste Aspekte und Perspektiven der Geschichte der Naturwissenschaften, Medizin und Technik unter den einen „Frosch zu bringen”.

Abstracts von einer Seite für ca. 15-minütige Vorträge nebst Kurzlebenslauf (zusammengefasst in einem pdf) werden erbeten bis zum 1. Juli 2022 an Alexander Stöger. Weitere Informationen zu Abstracts und dem Format des Driburger Kreises finden sich hier.
Für Beitrag und Diskussion sind insgesamt 30 Minuten angedacht.

Der Driburger Kreis trifft sich vom Montag, 11. September bis Mittwoch, 13. September 2023 in Person in Ingolstadt im Vorfeld der Jahrestagung der Gesellschaft für Wissenschaften, Medizin und Technik (GWMT).

Zu spät – Eine kritische Betrachtung von Zeitlichkeit und Wertung

Zeit ist der definierende Faktor jeder historischen Betrachtung, obwohl er selten als solcher benannt wird. In den letzten Jahren haben neue temporale Konzepte wie das Anthropozän sowie die kritische Betrachtung regionaler Epochenbegriffe im globalen Kontext neue Perspektiven auf diesen Aspekt eröffnet. Während die Rolle des Menschen in größeren zeitlichen Dimensionen gedacht wird, hinterfragen Forscher*innen auch kritisch, inwiefern Konzepte wie “Das Mittelalter” und die Anwendung damit tradierten Vorstellungen auf andere Kulturkreise angemessen sind. Zeit, so steht inzwischen fest, ist auch ein wertender Faktor, dessen sich Historiker*innen bewusst sein müssen.

Zugleich spielt Zeit auch in kleinsten Mengen für die Geschichte und nicht zuletzt für die Wissenschaften, Medizin und Technik eine entscheidende Rolle. Prioritätenstreitigkeiten und Erfindungswettbewerbe zeigen, dass der Anspruch, etwas zuerst entdeckt oder erfunden zu haben, nicht nur momentanes Ansehen, sondern auch historischen Ruhm und Einfluss bedeuten kann. Die Verlierer*innen haben dabei häufig das Nachsehen. Zu spät im Rennen um Anerkennung, verschwinden sie in den Fußnoten der Geschichte und ihre Ansätze verblassen angesichts der vermeintlich einzigen Lösung der Ersten.
Wissenschaftshistoriker*innen haben unlängst den Blick der Forschung auf die Peripherie, das Nicht-Elitäre, die „Workingclass of Knowledge Production“ gerichtet und dabei gezeigt, dass diese nicht nur essenzielle Bausteine der Wissensgebäude sind, deren Fassade die Wissenschaftsgeschichte bislang bevorzugt beleuchtet hat. Sie haben damit zugleich ein kritisches Licht auf wissenschaftshistorische Praktiken und Methoden geworfen.

In diesem Sinne beschäftigt sich der Driburger Kreis in diesem Jahr mit der Marginalisierung der zeitlich Nachkommenden unter dem Titel „Zu Spät“. Gemeint ist hier im weitesten Sinne die negative Wertung von Zeitlichkeit, beispielsweise in Fallstudien, in denen spezifische Errungenschaften, eine Person(engruppen) oder Ereignisse hinter einem anderem zurückstehen musste und zeitgenössisch oder rückwirkend dadurch abgewertet wurde. Naheliegende Fälle wie Prioritätsstreitigkeiten sind ebenso willkommen wie kritische Betrachtungen von westlichen Überlegenheitsnarrativen, etwa wenn es um die „Erstentdeckung“ nicht-europäischer Teile der Welt geht.

Mögliche Perspektiven, aus denen man sich dem Thema nähern könnte:

    • Prioritätsstreitigkeiten und Hoheitsansprüche auf Grund von zeitlichem Zuvorkommen
    • Forcierung von Linearität und einem Fokus auf eine Schlüsselperson/ein Schlüsselereignis als zentralem Aspekt in wissenschaftshistorischen Narrativen
    • Die Wahrnehmung von Zeitlichkeit und Druck bei Wissenschaftler*innen
    • Entdeckungen und Errungenschaften, die weniger oder keine Beachtung fanden, da sie hinter einem als wichtiges wahrgenommenes Ereignis zurückstehen mussten
    • Eine kritische Betrachtung des Konzepts „zu spät“ anhand wissenschaftshistorischer Beispiele
    • Reflexionen zu Zeitlichkeit und verwandten Konzepten wie Eile, Hast, Zügigkeit im wissenschaftshistorischen Kontext
    • Fälle, in denen der zeitliche Wettbewerbsfaktor gezielt ignoriert, ausgehebelt oder kritisiert wurde

Das Tagungsthema ist explizit weit gefasst und zielt darauf ab, verschiedenste Aspekte und Perspektiven der Geschichte der Naturwissenschaften, Medizin und Technik unter „Zu Spät“ bewusst mit einer kritischen Betrachtung von Zeitlichkeit zu konfrontieren.

von Alexander Stöger (Universität Leiden)

Abstracts von maximal einer Seite für ca. 15-minütige Vorträge inklusive Kurzlebenslauf (zusammengefasst in einem Word-kompatiblen Dokument) werden erbeten bis zum 15. Mai 2023 (verlängert bis zum 25. Mai) an info@driburgerkreis.de. Weitere Informationen zu Abstracts und dem Format des Driburger Kreises finden sich hier.
Für Beitrag und Diskussion sind insgesamt 30 Minuten angedacht. Fragen zum Thema oder der Veranstaltung können gerne an das Organisationsteam gerichtet werden (ebenfalls unter info@driburgerkreis.de).

Informationen über mögliche Reisekostenstipendien der GWMT finden sich  hier.

Der Driburger Kreis trifft sich von Dienstag, 24. September bis Mittwoch, 25. September 2024 im Vorfeld der Jahrestagung der Gesellschaft für Geschichte der Wissenschaften, der Medizin und der Technik e.V. (GWMT). Er richtet sich explizit an Wissenschaftler:innen, die am Anfang ihrer akademischen Karriere in den Forschungsfeldern der Wissenschafts-, Medizin- und Technikgeschichte und angrenzender Disziplinen stehen (Studierende, Promovierende, Post-Docs, Habilitierende).

Der Driburger Kreis versteht sich als informelles Forum, in dem Probleme, Schritte und Ergebnisse eigener Arbeiten vorgestellt werden können. Das jährliche Rahmenthema soll Anreiz bieten, verschiedene Arbeiten unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt zu diskutieren. Projektvorstellungen jenseits des Rahmenthemas sind ebenfalls ausdrücklich erwünscht. 

Im Vorfeld der Jahrestagung am Montag, 23. September wird es auch in diesem Jahr einen Workshop geben in Form eines Ideenlabors zur Frage „Wie finde ich ein Forschungsthema?“. Die Veranstaltung wird hybrid sein. Weitere Informationen dazu findest Du in Kürze auf unserer Website.

Verlängerung der Abstract Deadline bis zum Montag, 10. Juni 2024!

Das diesjährige Rahmenthema der Jahrestagung lautet:

Abfälle. Unfälle. Ausfälle.

Abfälle, Unfälle und Ausfälle – diese drei Aspekte finden im Wissenschaftsalltag und der Fokussierung auf Fortschritt nur selten Eingang in wissenschaftliche Erfolgsgeschichten und epistemische Narrative. Die Vorstellung einer geradlinigen Geschichte wissenschaftlicher Fortschritte war über Jahrzehnte im Fokus, rückt aber inzwischen in der wissenschaftshistorischen Forschung immer mehr in den Hintergrund zugunsten von Forschungsfragen, die periphere, non-lineare oder problematischere Aspekte der Wissenschaftsforschung in den Blick nehmen.

Abfälle, Unfälle und Ausfälle sind in diesem Sinne einen wissenschaftshistorischen Blick wert, brechen sie doch häufig nicht nur diese oft linearen Erfolgsgeschichten auf, sondern lenken den Fokus weg von einer monolithischen Erzählung, die den privilegierten weißen Hauptakteur hervorhebt, hin zu einem dynamischeren Verständnis von Wissenschaft, das soziale Interaktionen und außer-epistemische Einflüsse einbezieht. Fehler und Missgeschicke sind nicht bloß Hindernisse, sondern können als Quellen für Innovation und Neuorientierung verstanden werden.

Die Bezeichnungen “Abfall”, “Unfall” und „Ausfall“ implizieren subjektive, negative Wertungen, die vom positiven Verlauf als dem Standard ausgehen, und sind stark interpretativ. Ihre Bedeutung variiert je nach Kontext und Perspektive. Wer definiert, was als Abfall, Unfall oder Ausfall in Wissenschaft, Medizin oder Technik zu betrachten ist – die wissenschaftlichen Akteur:innen, die Forschenden oder die außerwissenschaftliche Öffentlichkeit? Wann wird etwas als glücklicher Zufall oder gar gewollte Entwicklung interpretiert? Welchen Einfluss hat diese Kategorisierung auf das Verständnis wissenschaftlichen Arbeitens und die Wahrnehmung der Wissenschaft an sich?

Die historische Veränderlichkeit der Begriffe ermöglicht es, die Dynamik des Erkenntnisprozesses darzustellen und kritisch zu hinterfragen, welche Ereignisse als bedeutend oder irrelevant eingeschätzt wurden.

Die Geschichte des Abfalls ist eng mit dem Konzept des gesellschaftlichen Fortschritts verbunden. Als fortschrittlich betrachtete industrielle Prozesse verursachen Abfallprodukte, die sich nicht selten zu einer langfristigen Umweltbelastung entwickeln. Doch was genau wird als Abfall betrachtet und was impliziert diese Kategorie?

In der Literatur finden sich Beispiele, die das Thema Abfall in den Fokus nehmen. Diese reichen von einer historischen Betrachtung der “Kurze(n) Geschichte des Abfalls” (Winiwarter, 2002) bis hin zu einer kulturwissenschaftlichen Analyse der “Kehrseite der Dinge” (Windmüller, 2004). Arbeiten, wie die Untersuchung von „Hausmüll“ (Köster, 2017) als spezifischer Abfallkategorie, erweitern das Verständnis für die soziale Dimension des Abfalls. Dem Thema körperlicher Abfallprodukte widmete sich Tamar Novicks Arbeit zur “Entdeckung des Urins” (Novick 2018), die den Wert dieser anderen Art des Abfalls hinterfragt und seine weitere Nutzung beleuchtet. Spätestens damit wird deutlich, die Definition von „Abfall“ ist sehr facettenreich.

Analog dazu, bietet auch die Betrachtung von Unfällen in der Wissenschafts-, Technik- und Medizingeschichte eine gewinnbringende Möglichkeit, um die Wechselwirkungen zwischen dem Streben nach Fortschritt und möglichen Konsequenzen technologischer Entwicklungen zu erforschen. Unfälle können eine Art Wendepunkt darstellen, an dem die vermeintlich lineare Entwicklung von Innovationen und Entdeckungen unterbrochen wird und die unerwarteten Herausforderungen und Risiken deutlich werden. Mit dieser „Unordnung der Dinge“ beschäftigte sich Kassung 2015 in Form einer Wissens- und Mediengeschichte.

Wer aber definiert ein Vorkommnis als Unfall? Und welchen Effekt hat diese Kategorie für die historische Analyse eines Ereignisses?

Nicht zuletzt haben Wissenschaft, Medizin und Technik auch immer wieder mit Ausfällen zu kämpfen. In technischen Systemen und Infrastrukturen werfen Ausfälle Fragen zur Zuverlässigkeit und Robustheit auf. Wie geht man mit Technik um, die ausfällt? Diese „Grauzonen der Technikgeschichte“ (Möser, 2011) bieten einen geeigneten Ansatzpunkt für historische Analysen der Interaktion und Nutzung von Systemen im sozio-kulturellen Alltag und dem Stellenwert von Wissenschaft und Technik im täglichen Anwendungskontext.

Doch es gibt auch andere Arten von Ausfällen als technische. Etwa Personelle, wie das Ausfallen von Wissenschaftler:innen, beispielsweise durch Kürzungen oder strenge Regulierung von Personalmitteln oder Beschäftigungsbedingungen. Welche Wirkung hat der Ausfall von Arbeitskräften auf die Wissenschaft?

Und was passiert, wenn Personen nicht ausfallen, sondern ausfallend werden?

Mögliche Perspektiven sich dem Thema zu näher sind:

  • Welche Rolle spielt Abfall im Kontext technologischer und wissenschaftlicher Innovationen?
  • Gibt es versehentliche Fehlfunktionen oder misslungene Experimente, die Einfluss auf wissenschaftliche Erkenntnisse haben?
  • Welche Rolle spielen gezielte Formen von Abfällen, Unfällen oder Ausfällen und wer bestimmt, dass sie in Kauf genommen werden?
  • Wie prägen Abfälle, Unfälle oder Ausfälle Regulierungsprozesse?
  • Was sind die sozialen und kulturellen Dimensionen von Abfällen, Unfällen oder Ausfällen in Wissenschaft, Technik oder Medizin?
  • Wie beeinflusst das Labeln von etwas als „Abfall“, „Unfall“ oder „Ausfall“ die Wahrnehmung in konkreten historischen Fallbeispielen?
  • Welche Rolle haben die genannten Konzepte für die historiographische Untersuchung der Wissenschaften, Medizin und Technik?
  • Welchen Konnotationswandlungen sind die drei Konzepte und ihre konkreten Anwendungsziele unterworfen?

Das Tagungsthema ist explizit weit gefasst und zielt darauf ab, verschiedene Aspekte und Perspektiven von Abfällen, Unfällen und Ausfällen in der Geschichte der Naturwissenschaften, Medizin und Technik in den Fokus zu nehmen. Es können darüber hinaus auch Abstracts eingereicht werden, die nicht direkt auf das Tagungsthema Bezug nehmen oder Wissensgeschichte in einem breiteren Rahmen denken.

Literatur

Kassung, Christian (Hrsg.). Die Unordnung der Dinge: Eine Wissens- und Mediengeschichte des Unfalls. Transcript, 2015.

Köster, Roman. Hausmüll: Abfall und Gesellschaft in Westdeutschland 1945-1990. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht, 2017.

Möser, Kurz (Hrsg.). Grauzonen der Technikgeschichte. Neuauflage (Online). Larlsruhe: KIT Scientific Publishing, 2011 (Erstellungsdatum: 08 septembre 2023).

Novick, Tamar. Die Entdeckung des Urins. In: Nach Feierabend. Züricher Jahrbuch für Wissensgeschichte 14, special issue: Research Materials: Logistics, Logics, Traditions, 2018, 139-149.

Windmüller, Sonja. Die Kehrseite der Dinge: Müll, Abfall, Wegwerfen als kulturwissenschaftliches Problem. Münster: Lit, 2004.

Winiwarter, Verena. Eine kurze Geschichte des Abfalls. In: Wissenschaft & Umwelt Interdisziplinär 5, April 2002, 5-14.

Gina Maria Klein

Universität Bielefeld

Sende Dein Abstract von maximal 300 Wörtern, inklusive einem Kurzlebenslauf (zusammengefasst in einem Word-kompatiblen Dokument) bis zum 31. Mai 2024 an das Organisationsteam des Driburger Kreises (info@driburgerkreis.de). Für Vortrag und Diskussion sind insgesamt 30 Minuten (15 min Vortrag, 15 min Diskussion) angedacht, sodass wir ausreichend Zeit für Feedback und Diskussion haben. Sollte es Fragen zum Thema oder allgemein zur Veranstaltung geben, wende Dich gerne an das Organisationsteam (ebenfalls unter info@driburgerkreis.de).

Guidelines und Hilfestellungen zum Schreiben von Abstracts, sowie weitere Informationen zum Vortragsformat findest Du auf unserer Website.

Informationen über das Reisekostenstipendien der GWMT findest Du auf der Website der GWMT.

Das Thema des diesjährigen Driburger Kreises spannt einen weiten Bogen: Vom Wollnashorn (Coelodonta antiquitatis), das im Mittel- und Jungpleistozän gejagt und in Höhlenmalereien verewigt wurde, bis hin zum digitalen Sammeln von gewaltigen Datenmengen. Und dann sind da die Forschenden selbst, die Wissen jagen und sammeln. Es handelt sich also um zwei Tätigkeiten, die sich durch die Menschheitsgeschichte ziehen – und sich zugleich als Idiom verselbstständigt haben. 

Als zentrale Maßnahmen des Nahrungsgewinns begleiten uns Jagen und Sammeln seit der Vorzeit. Über die Jahrhunderte haben sie sich tief in die menschliche Kultur integriert und sind somit aus wissenschafts-, medizin- und technikhistorischer Perspektive in zahlreichen Facetten anzutreffen, sei es als technologische Entwicklungsgeschichte des Werkzeuges, vom Speer zur maschinellen Fleischverarbeitung, oder deren kulturelle Implikationen und Konfliktpunkte, etwa in historischen oder modernen Debatten zum Vegetarismus. Zugleich erweitern beide Tätigkeiten das Blickfeld auf Freizeitaktivitäten, dem Jagen als Statussymbol, dem Sammeln von Steinen, Käfern oder Briefmarken als frühe Charakterbildung oder lebenslanges Hobby. 

Darüber hinaus hat das Idiom „Jagen und Sammeln“ im Laufe der Zeit weitere Bedeutungen gewonnen, die auf tiefergreifende (wissens)kulturelle Konzepte verweisen. Im Kontext kultureller Bedeutungserweiterung entwickelte sich eine dichotomische Nutzung des Begriffspaares, die häufig mit distinkten Konnotationen abseits der eigentlichen Tätigkeit einhergehen. So wird das Idiom nicht nur benutzt, um eine Kulturform der Überlebensssicherung zu beschreiben, sondern birgt beispielsweise auch eine geschlechterkulturelle Facette: Jagen wird häufig mit maskulinen Eigenschaften konnotiert, während Sammeln als vermeintlich natürliche Tätigkeit der Frauen dargestellt wird. Häufig mit einem Verweis auf konstruierte Urinstinkte oder sich in der Vorzeit begründenden Überlebensstrategien, erlangte das Idiom so historisch weitere Dimensionen, die einen kritischen Blick im Kontext des Wissensgewinns lohnen. Entsprechend stellt sich etwa die Frage, wie diese Konzepte von der Wissenschaft beflügelt, infragegestellt oder genutzt wurden.  

Überhaupt lässt sich der Wissensgewinn selbst im Licht des Jagens und Sammelns betrachten und damit die kritische Frage stellen, wie Forschende sich direkt oder indirekt zu ihren Forschungsgegenständen und im Kontext des wissenschaftlichen Diskurses definieren. Das Sammeln von Informationen zählt zu den Grundlagen des Wissensgewinns, während sich Wissenschaftler*innen deutlich seltener als Jäger*innen sehen. Dabei zeigt eine kritische Betrachtung vieler Sammlungen des 19. Jahrhunderts, dass das Jagen, sei es nach exotischen Tieren zur Präparation, altertümlichen Artefakten oder menschlichen Überresten, ein signifikanter Teil der Forschung war. Gerade in diesem Kontext ist die Frage nach dem Sammeln als dem vermeintlich friedlichen Gegenstück zum Jagen für die Wissenschaftsgeschichte ein zentraler Aspekt vieler aktueller wissenschaftlicher und öffentlicher Debatten. Was aber bedeutet das für die historische Entwicklung der Wissenschaften, Medizin und Technik, wenn man gezielt solche etablierten Idiome wie „Jagen und Sammeln“ als Ideale betrachtet, verbunden mit tiefergreifenden Vorstellungen von der Rolle der Wissenschaftler*innen?  

Das Rahmenthema lädt dazu ein, die vielfältigen Aspekte des Jagens und Sammelns sowohl auf einer Handlungs- und kulturellen, als auch auf einer metareflektierenden Ebene zu ergründen. Mögliche Themen und Fragestellungen sind: 

–    Kulturelle, epistemische und technologische Entwicklungen des Jagens und Sammelns, zum Beispiel Essgewohnheiten, rituelle Jagdpraktiken oder Trophäen 

–    Jagen und Sammeln als Freizeitbeschäftigungen 

–    Entwicklung von (wissenschaftlichen) Sammlungen 

–    Sammeln im Zeitalter von Big Data und Digitalisierung 

–    Bedeutungserweiterungen wie Geschlechterrollen oder Natur-Technologie-Verhältnisse 

–    Jagen und Sammeln in der Wissenschaft, Medizin und Technik 

–    Konzeptionelle Reflektionen zu Wissenspraktiken und Selbst- und Fremdbildern von Wissenschaftler*innen im Kontext des Jagens und Sammelns 

Wie üblich sind auch Beiträge, die nichts mit dem Rahmenthema zu tun haben, willkommen. 

Natalie Rath 

Charité – Universitätsmedizin Berlin 

Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin 

Driburger Kreis

Der Driburger Kreis organisiert regelmäßig Veranstaltungen für Early Careers aus der Wissenschafts-, Medizin- und Technikgeschichte. Er ist unabhängig und wird geleitet von Early Careers.

Social Media